Earth Law & Nachhaltige Transformation
Ich habe an einer Summer School bei Earth Law Center teilgenommen, weil mich schon länger interessiert, welche Bewegungen und rechtlichen Entwicklungen es weltweit rund um Naturrechte, Umweltgerechtigkeit und indigene Rechte gibt. Wie kann Recht dazu beitragen, dass Natur nicht nur geschützt wird, weil sie für uns Menschen nützlich ist?
Was würde sich verändern, wenn, Wälder, Flüsse, indigene Gemeinschaften oder ganze Ökosysteme eine eigene Stimme im Rechtssystem hätten? Wir haben uns mit einer Frage beschäftigen: Was passiert, wenn wir Natur nicht nur als Ressource betrachten, sondern als Rechtssubjekt?
Natur soll Rechte haben? Menschen und Unternehmen haben Rechte. Warum sollte Natur keine Rechte haben? Es geht nicht nur um juristische Instrumente, sondern um einen Paradigmenwechsel: weg von einer anthropozentrischen hin zu einer ökozentrischen Rechtsordnung.
Einführung in Earth Law und Begrifflichkeiten:
Earth Law wird als Rechtsgebiet zum Schutz, Wiederherstellung und zur Stabilisierung der funktionalen Zusammenhänge des Lebens auf der Erde, die praktische Anwendung der “Earth Jurispudence” (erdzentrierte Philosophie des Rechts) und als ein entstehendes ökozentrisches Recht beschrieben. Ein ökozentrischer Ansatz versteht den Menschen als Teil einer größeren, miteinander verbundenen Lebensgemeinschaft! Wohingegen der anthropozentrische Ansatz, der hier gelebt wird, den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Es geht um die Rechtspersönlichkeit, die Fähigkeit Rechte oder Pflichten zu haben. Und geht über die Menschenrechte hinaus, ein Ansatz, der mit den Rechten der Natur zusammenhängt, kritisiert die strikte Trennung zwischen Mensch und Natur, bezieht die Rechte von Tieren ein sowie ökologische Zivilisationen (Zivilisationen, die innerhalb der Natur leben). Dieser Begriff wird z.B. in China verwendet. Mit einbezogen werden auch “Bioregionen”: politische und rechtliche Entscheidungen orientieren sich an ökologischen Grenzen, beispielsweise an Flusseinzugsgebieten, statt ausschließlich an Staats- oder Verwaltungsgrenzen. Der Kurs beinhaltete außerdem einen Exkurs in Ökozid: die mögliche Einordnung besonders schwerer Schädigungen der Natur als internationales Verbrechen und die Rechte zukünftiger Generationen: Diese können sich nicht nur auf zukünftige Menschen, sondern auch auf zukünftiges Leben insgesamt beziehen.
Beispiele aus der Earth Law Summer School
Zukunfts-Generationen: In Wales verpflichtet der Well-being of Future Generations Act öffentliche Institutionen dazu, heutige Entscheidungen so zu treffen, dass die Lebensmöglichkeiten kommender Generationen nicht beeinträchtigt werden.
Völkerrechtliche Verpflichtungen von Staaten: Ein neues Gutachten (Greenpeace Beitrag) des Internationalen Gerichtshofs, IGH, konkretisiert Klimagerechtigkeit und kann als wichtiger Bezugspunkt für politische Entscheidungen und Klimaklagen dienen.
Rechtspersönlichkeiten: Die Anerkennung der Rechtspersönlichkeit des Mount Taranaki in Aotearoa/ Neuseeland. Juristisch ein großer Schritt und steht in engem Zusammenhang mit der Māori-Geschichte und Kultur.
Rechte einzelner Arten: oder Tierpopulationen zeigt das Beispiel der stachellosen Bienen in Peru.
Ökozid: Die Idee ist, gravierende Schäden an der Natur zukünftig als internationales Verbrechen einzuordnen und Verantwortliche stärker zur Rechenschaft zu ziehen.
Spirituelle Rechtsvorstellungen oder ökozentrische in China und Südasien: Diskussionen darüber verdeutlichten, dass die Beziehung zwischen Mensch, Natur, Recht und Spiritualität weltweit sehr unterschiedlich gedacht und gelebt wird.
—> Earth Law ist kein fertiges Konzept. Es ist ein wachsendes internationales Feld, das dazu einlädt, Recht, Verantwortung und unser Verhältnis zur Natur neu zu denken.
Earth Law als wichtigen Bestandteil bei nachhaltiger Transformation
All die oben genannten Ansätze und Beispiele sind für mich ein Teil und vielleicht auch eine Erweiterung nachhaltiger Transformation, wie man sie vielleicht bislang definiert (Nachhaltige Transformation beschreibt den tiefgreifenden Wandel von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik hin zu Lebens- und Wirtschaftsweisen, die ökologisch tragfähig und sozial gerecht sind.) Doch was bedeutet „ökologisch tragfähig“, wenn wir unser Verhältnis zur Natur nicht genauer hinterfragen? Wenn Natur weiterhin vor allem als Ressource, Eigentum oder Objekt unseres Handelns gesehen wird? Und welche Konsequenzen hätte es, Natur eigene Rechte zuzuerkennen? Und für mich stellt sich noch eine entscheidende Frage: Wer erhält in unserem (Rechts-)system eine Stimme und wer bleibt bislang unsichtbar?
Wenn wir über Nachhaltigkeit sprechen, denken wir häufig zuerst an Klimaschutz, Energieeffizienz, Kreislaufwirtschaft oder nachhaltigen Konsum. Diese Maßnahmen sind wichtig. Doch Earth Law und die Rechte der Natur zeigen, dass eine tiefgreifende Transformation noch weitergehen muss. Nachhaltige Transformation bedeutet dann nicht nur, die negativen Folgen unseres Handelns zu reduzieren. Sie bedeutet auch, Strukturen zu schaffen, die Regeneration ermöglichen, ökologische Grenzen achten und die Interessen der Natur sowie zukünftiger Generationen verbindlich berücksichtigen. Die Frage lautet dann nicht nur: „Wie können wir die Natur besser schützen?“ Sie lautet auch: „Wie können wir unser Zusammenleben so gestalten, dass wir uns selbst als Teil der Natur verstehen?“